Biographischer Abriss

Lech Wałęsa wurde am 29. September des Jahres 1943 in Popowo bei Lipno in der Wojewodschaft Kujawsko-Pomorskie geboren. Sein Vater, Bolesław Wałęsa, war von Beruf Zimmermann und erfreute sich bei der lokalen Bevölkerung hohen Ansehens und Respekts. Wegen der Verweigerung von Arbeiten zugunsten der Okkupanten während des II. Weltkrieges wurde er in ein Arbeitslager eingewiesen, aus welchem er erschöpft zurückkehrte, wodurch er kurz darauf schwer erkrankte und starb. Die Mutter, Feliksa Kamieńska, die aus einer alten, traditionsreichen Familie aus Dobrzyń stammte, erzog die Kinder im Geiste des Patriotismus und Katholizismus. Nach dem Tod von Bolesław sorgte seine Bruder für die Familie.

Der junge Lech lernte in den nahegelegenen Städten Halina und Lipno, wo er den Ruf eines lustigen Rabauken, aber auch guten Organisators gewann. Seine berufliche Arbeit begann er in der Firma „Pracowniczy Ośrodek Maszynowy" [deutsch: Arbeiter-Maschinen-Zentrum] als Elektriker-Mechaniker. Später traf er in die Armeeeinheit in Koszalin, wo er seinen Grundwehrdienst ableistete. Auch dort offenbarten sich seine Führungsqualitäten. Seine Einheit agierte sehr flott. Er stellte hohe Anforderungen, konnte aber auch hervorragend Probleme lösen und andere zur Arbeit motivieren. Den Armeedienst schloss er mit dem Dienstgrad eines Unteroffiziers ab. Später kam er in seinen Aussagen und Scherzen häufig auf dieses Kapital in seinem Lebenslauf zurück und meinte, dass während der Gespräche mit den Generälen ihm seine Armeeerfahrungen sehr geholfen hätten.

Nach der Rückkehr vom Armeedienst fuhr er - wie viele andere junge Menschen in der damaligen Zeit auch - nach Gdańsk, um dort eine bessere Arbeit und bessere Perspektiven zu suchen. Als begabter Fachmann erhielt er eine Arbeit an der Danziger Leninwerft, wo er am 2. Juni des Jahres 1967 begann, als Schiffselektriker in der Abteilung W-4 2 zu arbeiten. Von diesem Moment an war sein Leben fest mit der Stadt Gdańsk verbunden. Hier lernte er auch Danuta Gołoś kennen, die er am 8. Dezember des Jahres 1969 heiratete.

Die ersten Bemerkungen und Gerüchte über seine oppositionelle Tätigkeit kamen im Jahre 1969 auf, als er seine Kollegen in der Werft dazu überredet haben sollte, nicht an den Massenveranstaltung zur Verurteilung der Studentenproteste teilzunehmen. Von diesem Zeitpunkt an begann er, sich immer aktiver für gesellschaftliche Fragen einzusetzen. Während des Streiks im Dezember des Jahres 1970 nahm er aktiv an den Arbeiten des Streikkomitees teil - es gab sogar den Vorschlag, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. Mit der damaligen Zeit sind viele Unklarheiten und Legenden verbunden. Eines ist jedoch sicher: Lech Wałęsa war schon damals ein Aktivist der demokratischen Opposition und einer der Streikführer.

Nach den tragischen Ereignissen und dem Tod der Arbeiter schwor er sich, dass eine solche Situation sich niemals wiederholen dürfe. Mit voller Kraft engagierte er sich in die Arbeit der Freien Gewerkschaften. Er organisierte die Werftarbeiter, verteilte Flugblätter, organisierte zusammen mit anderen Aktivisten Treffen zu Fragen der Arbeiterrechte und der Weiterbildung. Sein Hauptziel in der damaligen Zeit war das würdige Andenken an die Dezemberopfer. Er wurde in der Werft zum Delegierten des Abteilungsrates gewählt und begann, die Funktion eines Ehrenamtlichen Arbeitsinspektors auszuüben. Nach einem Jahr verzichtete er jedoch auf eine erneute Kandidatur und gab damit zu verstehen, dass diese Funktion illusorisch sei und wirkliche Änderungen auf diesem Wege unmöglich sind. In den Folgemonaten sahen sich die aktiv an den Streiks teilnehmenden Arbeiter Repressionen ausgesetzt. Einer von ihnen war Lech Wałęsa. Er wurde jedoch von der Arbeiterselbstverwaltung verteidigt.

Jedoch führten weitere Aktivitäten von Lech Wałęsa zur Erinnerung an die Opfer des Dezembers 1970, die alljährlichen Manifestationen und die Kranzniederlegungen am Werfttor, die Aktivitäten der Freien Gewerkschaften sowie seine entschiedene Haltung gegenüber der Obrigkeit zu seiner Entlassung aus der Werft im Jahre 1976. Er traf von dort in die Firma ZREMB, wo er als Elektriker arbeitete und seine Mission zur Aufklärung der Arbeiter über ihre Rechte fortsetzte und weiterhin in der Freien Gewerkschaft aktiv war. Bald wurde er auch aus diesem Unternehmen aus politischen Gründen entlassen.

Im Mai des Jahres 1979 nahm er eine Arbeit in der Firma Elektromontaż auf, die jedoch nur bis Dezember des gleichen Jahres andauerte, da er auch dort entlassen wurde - dieses Mal wegen der Teilnahme an den Veranstaltungen zum Jahrestag des Streiks. Seit Beginn der siebziger Jahre lebte Lech Wałęsa zusammen mit seiner Familie unter der ständigen Kontrolle und Beobachtung des Geheimdienstes. Sein Telefon wurde abgehört, er selbst wurde unaufhörlich verfolgt und Repressionen ausgesetzt.

Bis zum Beginn des Streiks im August des Jahres 1980 war er arbeitslos. Er war einer der Hauptinitiatoren der Augustproteste: Als die Werftarbeiter begannen, sich vor dem Gebäude der Werftdirektion zu versammeln, führte Lech Wałęsa seinen berühmten „Sprung über den Zaun" aus und befand sich im Zentrum der Ereignisse. Das persönliche Verhalten von Lech Wałęsa, die kompromisslosen Verhandlungen und der Kampf um die Forderungen der Arbeiter, die Unterstützung und das Vertrauen, das er bei den streikenden Menschen in ganz Polen genoss führten schließlich zur Entstehung der Unabhängigen Selbstverwaltenden Gewerkschaft „Solidarność". Dies war der erste unblutige Erfolg in unserer Geschichte. In diesem Moment wendeten sich die Augen der ganzen Welt nach Gdańsk und auf Lech Wałęsa.

Die Reaktion des totalitären Staates auf die damaligen Ereignisse war die Einführung des Kriegszustandes am 13. Dezember des Jahres 1981. Lech Wałęsa gehörte zu den ersten Inhaftierten. Ein Jahr später kehrte er auf seine Arbeitsstelle in der Gdańsker Werft als Elektriker zurück, der er formell bis in das Jahr 1990 besetzte.

Durch die dunkle Nacht des Kriegszustandes und die schwierigen Jahre nach dem Verbot der Gewerkschaft „Solidarność", als die Bewegung zerschlagen wurde und nur noch wenige Menschen Hoffnung auf einen Sieg hatten, war Lech Wałęsa derjenige, der nie aufgab. Er war Sprecher und Vertreter der Idee der Solidarität. Trotz der über ihn verbreiteten Lügen und der ständigen Repressionen seitens der Sicherheitsorgane der Volksrepublik Polen gab er nie auf. Sein Kampf wurde sowohl von der polnischen Gesellschaft, wie auch außerhalb der Landesgrenzen anerkannt. Im Jahre 1983 erhielt Lech Wałęsa den Friedensnobelpreis. Aus Furcht vor einem Rückkehrverbot entscheid er sich dafür, den preis nicht persönlich entgegenzunehmen. Während der Feierlichkeiten in Oslo wurde er von seiner Ehefrau und seinem ältesten Sohn Bogdan vertreten.

Gegen Ende der achtziger Jahre nahm Lech Wałęsa Verhandlungen mit den kommunistischen Machthabern am sogenannten „Runden Tisch" auf. Diese friedlichen Umgestaltungen, die als unblutige Revolution bekannt wurden, waren ein Phänomen im Weltmaßstab und ein Beispiel für andere, wie man ohne Blutvergießen zur Verständigung kommen kann. Die Tapferkeit und der Mut von Lech Wałęsa, der an der Spitze der Delegation der demokratischen Opposition stand, führten zu einem Kompromiss mit den schwachen, aber immer noch gefährlichen kommunistischen Machthabern, dessen Ergebnis die Wahlen im Juni des Jahres 1989 und die Bildung der ersten nichtkommunistischen Regierung östlich des eisernen Vorhangs waren.

Die nächsten Jahre waren durch den Kampf um die weitere Demokratisierung Polens und die Umgestaltungen in Richtung einer freien Marktwirtschaft geprägt.

Am 22. Dezember des Jahres 1990 wurde Lech Wałęsa als der nach dem 2. Weltkrieg erste demokratisch gewählte Präsident der Republik Polen vereidigt. Die Jahre der Präsidentschaft waren vor allem durch schwierige wirtschaftliche Umwälzungen und den Kampf um die Form der politischen Szene geprägt. Zu seinen großen Erfolgen in dieser Zeit gehören ohne Zweifel der Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus Polen und die Erlangung von Dokumenten zum Verbrechen von Katyń sowie die Organisation der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstandes.

Auch während seiner Präsidentschaft vergaß Lech Wałęsa nie seine Wurzeln. Er bemühte sich, die Arbeiter in den für sie schweren Zeiten der wirtschaftlichen Umgestaltungen zu unterstützen. Er schlug eigene Lösungen vor und war immer bereit, zu diskutieren, zu überlegen und zu vermitteln. Er entzog sich nie der Verantwortung für seine Entscheidungen und für die Annahme des schweren und häufig schmerzhaften Weges zu persönlicher und wirtschaftlicher Freiheit, wofür er mit seiner Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen im Jahre 1995 bezahlte.

Während seiner Präsidentschaft und nach ihrer Beendigung blieb Lech Wałęsa immer der Sprecher Polens auf der internationalen Bühne.

Er wirkte immer aktiv für die Aufnahme Polens in die Strukturen des Nordatlantikpaktes und der Europäischen Union. Im Jahre 1995 gründete er das Lech-Wałęsa-Institut, dessen Mission in der Unterstützung der Demokratie und der Selbstverwaltung in Polen und auf der ganzen Welt besteht.

Heute setzt Lech Wałęsa seine Mission als Sprecher der Solidarität fort. Während seiner Reisen durch die ganze Welt erinnert er an unsere polnischen Erfahrungen und den unblutigen Kampf um Frieden und Demokratie.

Veröffentlichungen

Autor: Lech Wałęsa
Lech Wałęsa: Veto der ganzen Welt im Namen der Solidarität

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